[Let’s Talk]: Die zwei Körper der Buchblogger

Hallo meine lieben Leserinnen und Leser,

es wird einmal wieder Zeit für einen Let’s Talk. Heute um zu einer Diskussion beizutragen, die schon lange schwelt und in den letzten Tagen vor allem auf Twitter besonders das Stimmungsbild der Buchblogszene bestimmte: „Liebes“-Romane im New Adult, Young Adult und allen anderen Bereichen, die ungesunde Beziehungskonstellationen und rape-culture unkommentiert und unreflektiert, teils als Plotdevise, nutzen. Stein des endgültigen Anstoßes hierzu war unter anderem das Buch Paper Princess von Erin Watt und die heiß ersehnte Veröffentlichung von Sarah J. Maas neuem Buch A Court of Wings and Ruin, welches mit u.a. homophoben anmutenden Szenen bereits im Vorab-Sampler für Aufruhr sorgt.

Eine Diskussion darüber entstand, wie es vertretbar von Verlagen und Lektoren sei, diese Bücher auf den Markt zu bringen. Und wie vertretbar es von Seiten der Blogger aus sei, diese Bücher auch noch zu empfehlen oder zu loben – teilweise ebenso unreflektiert wie es in den Büchern selbst geschieht.

Während die Verantwortung der Verlage noch einmal eine ganz andere Nummer ist – die wir aber auf keinen Fall außer Acht lassen sollten – soll es hier und heute nur um die Bloggerszene gehen – und um die zwei verschiedenen Ebenen, auf denen wir uns äußern.

Dazu zunächst ein kleiner Exkurs: Ernst Kantorowicz veröffentlichte 1957 eine bis heute von der Wissenschaft als sehr wichtig erachtete Theorie zu den zwei Körpern des Königs. Eigentlich angedacht als eine Theorie, welche Könige im ausgehenden Mittelalter/der frühen Neuzeit betrifft, ist die Message relativ simpel und auch heute noch sehr aktuell: der König besitzt demnach, stark vereinfacht, zwei Körper: den der Privatperson, sterblich. Und den des Königs, unsterblich. Erweitert man dieses Konzept ein wenig könnte man die beiden Körper auch so definieren: ein privater Corpus, ein öffentlicher Corpus. Nicht unbedingt unterschiedlich voneinander, aber doch mit unterschiedlichen Aufgaben, Einschränkungen, Zielen.

Genau so verhält es sich auch bei Buchbloggern. Damit meine ich nicht, dass wir Royals sind (Shoutout für den Lorde Ohrwurm!), sondern dass wir bis zu einem gewissen Grat in der Öffentlichkeit stehen, leicht zugänglich für Augen aller Altersklassen und nur einen Klick entfernt von einem potenziellen Buchkauf, der potenziell prägen kann. Auf eine gute oder schlechte Art und Weise.

Durch die rasend schnelle Entwicklung des Internets und der Selbstverständlichkeit, mit der heutzutage jeder im Netz auf sein Publikum treffen kann – sei es über Blogs, YouTube, Twitter, Instagram oder sonstige Plattformen – ist eine Sache wirklich auf der Strecke geblieben: die Wahrung der bewussten Trennung von der privaten und der öffentlichen Person. Die zwei Körper der (Buch)Blogger.

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Kommen wir also wieder zum eigentlichen Thema zurück: wie soll man mit Büchern umgehen, in denen Sexismus, Vergewaltigung, Gewaltverherrlichung und so allerlei andere schwierige Themen unreflektiert behandelt werden?

Der privaten Person, dem privaten Leser ist die Vorgehensweise vollkommen überlassen. Keine Frage. Da sind wir bei basic Grundgesetzen.

Bei der öffentlichen Person, die jeder Buchblogger (!) unweigerlich ist, sollte es anders aussehen. Hier zählt neben eurer persönlichen Meinung vor allem noch ein weiteres Kriterium: Verantwortung. Und diese Verantwortung stoppt auch nicht vor der Haustür des Lieblingsautors/der Lieblingsautorin.

Bevor jetzt allerdings die Mistgabeln raus geholt und der ein oder andere Blog wutentbrannt gestürmt wird, sollten auch die Hardliner der anderen, sehr, sehr, sehr verantwortungsbewussten Seite nicht vergessen: nur weil ein Buchblogger/eine Buchbloggerin in ihrer Rezension nichts darüber schreibt, wie schlecht und ungesund die Beziehung zwischen Protagonist/in A und Protagonist/in B ist, heißt das nicht, dass betreffende Person sich dieser schädlichen Umstände oder der Unreflektiertheit bewusst ist. Denn obwohl solche Konstellationen spätestens seit 50SoG nicht mehr unter dem Radar fliegen, gibt es viele Leser und Leserinnen, die mit eben diesen Büchern literarisch „aufgewachsen“ sind und kritisches Lesen hier anders ausgerichtet ist. Ist das ein irreparabler Zustand, Dr. Sheppard? Nein. Aber es kann ein langer Prozess sein diese Prägung wieder rückgängig zu machen, beziehungsweise kritisches Lesen zu lernen, sei es nun aus der Gewohnheit heraus oder weil man solche Beziehungen in Büchern tatsächlich als selbstverständlich erachtet.

Da man sich bei solchen Dingen aber am besten immer an die eigene Nase greift, hier ein Beispiel von der privaten Person dieser Buchbloggerin: passend zum Thema Prägung habe ich vor etwa genau 10 Jahren Twilight zur Konfirmation bekommen. Vorher war ich nie eine wahnsinnig begeisterte Leserin, aber die Liebesgeschichte zwischen Edward und Bella hat mich gefesselt. Eine so starke Liebe, ja. Das wollte mein 14 jähriges Ich auch. In den nachfolgenden Wochen, Monaten und Jahren habe ich ein (Vampir)Buch nach dem anderen verschlungen, fast immer mit einem dominanten Mann als Gegenstück zur unterwürfigen Protagonistin. Und leider dachte sich mein 14 jähriges Ich: genau SO muss Liebe sein. Es hat Ewigkeiten gedauert, diese Ansicht zu revidieren und da man nie aus lernt, ertappe ich mich auch heute noch bei kleinen Erleuchtungen in Sachen Beziehungen.

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Es geht hier, wie bei fast allem im Leben, um Abwägung der Situation. Habe ich es hier mit einer Person zu tun, die bisher nie die Schwierigkeiten in einer Buchreihe gesehen hat und es beim Lieblingsautor nach einer Erleuchtung nicht wahr haben will? Habe ich es mit jemandem zu tun, der die Problematik vielleicht gar nicht sieht, weil kritisches Lesen und reflektierendes Bloggen in diesem Kontext nicht vorhanden ist? Oder habe ich es mit jemandem zu tun, der für sich selbst differenziert liest, diese Art von „Unterhaltung“ für sich persönlich gut findet, darüber aber nicht reflektierend bloggt? Die Möglichkeiten sind mannigfaltig.

Egal welcher Fall vorliegt – es sollte immer darauf hinauslaufen, dass man mit dem betreffenden Blogger/betreffender Bloggerin in Kontakt tritt. Und – wie ich das gestern schon einmal auf Twitter in einem kurzen Rant angesprochen habe – hier sollte vor allem mal auf den Ton geachtet werden. Konstruktive Kritik sollte konstruktiv bleiben und auch als solche, nicht als Angriff, aufgefasst werden. Es gibt schwierige Themen in Büchern, keine Frage. Und die kritisch zu lesen muss manchmal noch gelernt werden. Aber dann seid zumindest offen für Veränderung und lasst uns zusammen erarbeiten, wie wir mit dem Thema umgehen sollen. Denn das müssen wir! Nicht zuletzt um auch den Verlagen zu zeigen, dass es einer Veränderung bedarf.

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Vielleicht sitzen jetzt manche von euch vor dem Bildschirm, diesem Beitrag und schütteln den Kopf. Schließlich ist das mit der Verantwortung ein lahmes Argument! Adam Smith hat damals schon gesagt, dass der Markt sich selbst reguliert und im Kapitalismus ist eh jeder seines eigenen Glückes Schmied. Wenn sich meine Leser also entscheiden ein Buch in die Hand zu nehmen und es zu lesen, dann ist es deren Entscheidung. Und sie werden schon differenzieren können!

Prinzipiell stimmt das natürlich. Es IST die Entscheidung eurer Leser. Aber wie ich oben schon einmal erwähnt habe, greift hier das Twilight Phänomen. Genauso wie wir keinem vorschreiben können, was er oder sie zu lesen hat – genauso wenig sollten wir uns erdreisten wissen zu wollen, wie Bücher auf Leser wirken. Jeder zieht andere Dinge aus Literatur, bewusst oder unbewusst. Und als Blogger sollte man hier mit gutem Beispiel voran gehen und zumindest auf Problematiken aufmerksam machen.

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Manche pusten sich jetzt vielleicht eine Haarsträhne aus der Stirn und denken sich, dass es – so geschildert – viel mehr Arbeit wäre zu bloggen. Aber schon Kami Garcia schrieb: „The right and the easy thing are never the same“. Und wenn all das, was ich bisher geschrieben habe, in euren Augen ein schlechtes Argument war, dann kommt hier noch mein letztes Argument: wenn ihr Bücher empfehlt und damit unreflektiert umgeht – wie sieht dann eure Wunschgesellschaft, in der ihr leben wollt, aus? Möchten wir eine Generation heranwachsen sehen, die Bücher wie Paper Princess ohne jedwede Abstriche „toll“ und „zauberhaft“ findet und vielleicht doch wieder in die Twilight Falle hinein fällt? Literatur ist ein Kulturgut. Und über Kultur generiert sich Gesellschaft. Daran führt kein Weg vorbei.

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Lasst uns also zusammen konstruktiv diskutieren. Darüber, was wir ändern müssen und wie wir es erreichen können. Was wir den Verlagen zu verstehen geben wollen. Und wie wir kritisches Lesen und Bloggen besser in unseren Alltag einfließen lassen können. Lernt voneinander. Hört euch zu. Rafft euch auf um zusammen zu arbeiten. Denn auch genau hier fängt Gleichberechtigung an. Was für den einen bloße Unterhaltung ist, kann für den nächsten schon ein Trigger sein…

Weitere Links:

Einer der Steine des Anstoßes: Bücher Verschlingen: Paper Princess, ein Exempel: https://buecherverschlingen.wordpress.com/2017/04/08/paper-princess-ein-exempel-oder-was-zur-hlle-ist-los-mit-euch-%e0%b2%a0_%e0%b2%a0/
Über die Verantwortung der Verlage: Fantastronautin Esther Wagner http://fantastronautin.de/liebe-verlage-aus-macht-folgt-verantwortung/
Ein Video, was schon fast überall geteilt wurde, deshalb nun auch bei mir: Whitty Books – Harmful Relationships in YA Novels: https://www.youtube.com/watch?v=aoWtC6oE5L8
Und weil ich gerade bei Bücher Verschlingen eine noch viel größere, Übersicht schaffende Liste gefunden habe, gibt’s hier noch den Links zu MEEEEEHR: https://buecherverschlingen.wordpress.com/2017/04/26/paper-princess-ein-exempel-oder-es-hat-begonnen/
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9 Gedanken zu “[Let’s Talk]: Die zwei Körper der Buchblogger

  1. Ein schön differenzierter Beitrag, der gut in Worte fasst, was mich zu dem Thema bewegt. Ich sehe es nicht als kritisch an, dass erwachsene Menschen Spaß am Lesen des Buches haben. Aber ich sehe es als kritisch an, wenn diese als öffentliche Personen das Buch unreflektiert empfehlen.

    Denn zumindest mein Eindruck ist, dass diese Reihe in Deutschland auch für Jugendliche vermarktet wird. Und wie du mit deinem persönlichen Beispiel beschrieben hast, sind grad junge Menschen noch sehr beeinflussbar. Das sind wir ja auch als Erwachsene, auch wenn es mir scheint, dass viele das nicht wahrhaben wollen. Aber grad junge Menschen sind besonders zu schützen, damit sie eben nicht ungesunde Vorstellungen von romantischen Beziehungen bekommen.

    Und deshalb wünsche ich mir dann doch von Bloggern, wenn sie schon nicht auf die Problematiken eingehen wollen, zumindest dahingehend ein klares Statement, dass dies kein Jugendbuch ist.

    Gefällt 2 Personen

    • Hi Elena,

      exakt! Das Marketing ist definitiv auch auf jüngere Altersgruppen ausgelegt und deshalb würde mich auch mal interessieren, wie der Verlag dazu steht (oder generell Verlage).
      Ich denke auch, dass mit Disclaimern und gut sichtbaren Vorwarnungen schon ein erster wichtiger Schritt getan wäre. Denn dann könnte man zum einen ein gewisses Bewusstsein schaffen und wäre zum anderen auch sehr viel weniger vage in seiner Verantwortung als Blogger.

      Danke für deinen Kommentar!
      Tabi

      Gefällt mir

  2. Genial!

    Ich habe schon viele und ausführliche Kommentare bei verschiedenen Beiträgen hinterlassen – hier kann und will ich gar nicht viel mehr sagen als:
    Du bringst es gelungen auf den Punkt. Die Diskussionskultur, sowie das eigentliche Thema! Hervorragend geschrieben!

    Liebe Grüße
    Janna

    Gefällt 1 Person

  3. Vielen Dank für diesen wirklich tollen Beitrag! Du bringst es wirklich sehr gelungen auf den Punkt! Und ich finde das Thema ebenso wichtig wie Du. Mit Deinem Appell werde ich zukünftig auch noch mehr in meinen Rezensionen darauf achten und mit meiner Verantwortung bewusster umgehen.
    Viele Grüße
    Nana Shac TheUjulala

    Gefällt 1 Person

    • Hey Nana,
      Vielen Dank für deinen Kommentar! Ja, mir ist auch wieder bewusst geworden, dass nicht alles, was man selbst privat liest auch ungefiltert für den Blog geeignet ist. Ich freu mich also darauf mit verantwortungsvoller zu bloggen ❤

      Liebe Grüße,
      Tabi

      Gefällt 1 Person

  4. Hey Tabi!
    Vielen, vielen Dank für diesen Beitrag, der endlich mal beide Seiten beschreibt. Mich hat beides aufgeregt – die Leute, die sagen, es sei ja schließlich ihre eigene Meinung, und die Leute, denen es nur um Verantwortung geht. Denn wir sind Buchblogger und sagen unsere Meinung zu einem Buch. Wenn es uns gefallen hat, obwohl es problematische Aspekte beinhaltet, dann dürfen wir das sagen. Aber es ist auch gleichermaßen wichtig, den Inhalt eines Buches zu reflektieren und auf eventuelle Probleme hinzuweisen. Nehmen wir mal das Beispiel „Paper Princess“. Ja, ich habe das Buch gelesen, auch wenn ich erst 14 bin, und nein, ich denke jetzt nicht das Strippen für ein 15jähriges Mädchen die einzige Möglichkeit ist, Geld zu verdienen. Ich habe das Buch geliebt, es hatte einen wahnsinnigen Suchtfaktor und ich mochte die Protagonistin, das heißt aber nicht, dass mir nicht klar ist, welche nicht ganz so richtigen Inhalte es hat. Mal nicht beachtet, dass Paper Princess da sicherlich nicht das schlimmste Beispiel ist. In der Beziehung zwischen Ella und Reed passiert nichts Frauenverachtendes (zumindest ist mir nichts aufgefallen) und zwischen den beiden direkt gibt es auch keine sexuelle Gewalt. All das kommt in den Bücher vor, teilweise auf eine problematische Art und Weise, teilweise auch nicht. Ich kann aber auch sagen, dass es durchaus etwas Gewaltverherrlichung gibt.
    Ich schweife ab, das sollte eigentlich nur ein Beispiel sein. Ich finde, man kann und darf ein Buch auch dann mögen, wenn es Aussagen enthält, die man nicht unterschreieben würde. Die Geschichte an sich, der Protagonisten und der Schreibstil können nämlich trotzdem gut sein und wenn man sich während des Lesens bewusst macht, dass das nicht alles richtig ist, ist es aus meiner Sicht kein Problem. Natürlich kann es aber auch dazu führen, dass man das Buch nicht mag. Das ist eben von Person zu Person unterschiedlich. Jedenfalls bin ich ganz deiner Meinung – wir Blogger müssen verantwortungsvoller mit unserer Stimme umgehen und ich werde in Zukunft auch häufiger darauf achten. Aber den anderen Teil meiner Meinung werde ich eben auch nicht außer Acht lassen.
    Nochmals vielen Dank!
    LG,
    Lena 💕

    Gefällt 1 Person

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