[Seitenstränge]: #1 The Hound of the Baskervilles im English Theatre Frankfurt

Liebe Leserinnen, liebe Leser,Screenshot_2017-06-13-15-35-00-1

vor ein paar Jahren haben sich meine Schwester und ich darüber unterhalten, dass wir wahre Künstler darin sind in Gesprächen Seitenstränge zu eröffnen – also Nebenthemen, die zur eigentlichen Topic passen, mit ihr verknüpft sind, die aber dann doch wieder ein ganz eigenes Thema bilden.

Ähnlich verhält es sich mit Literatur und ihren Adaptionsformen. Irgendwie ist alles miteinander verbunden, besonders in der Kunst und allen erdenklichen kulturellen Erzeugnissen. In meiner Kategorie „Seitenstränge“ möchte ich daher ab jetzt hin und wieder Ausflüge in Ecken machen, die mit Literatur in Verbindung stehen oder sie in anderen Adaptionsformen darstellen.

Teil #1 – „The Hound of the Baskervilles“ im English Theatre Frankfurt

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Es ist ein Mittwochabend. Einer der ersten richtig heißen Tage in diesem Jahr. Und ich sitze in der letzten Reihe des English Theatre in Frankfurt und schaue unsicher auf die gut sichtbare Bühne vor mir.

Rauch wabert träge über die alten Holzbretter und hüllt die hohe, gruselig anmutende Kulisse in Friedhofsstimmung. Ich bin mir nicht mehr so ganz sicher, ob ich das Stück wirklich sehen will, denn wenn es nur halb so gruselig wie die orginale Geschichte von Doyle ist und nur 1/4 so düster wie das Bühnenbild, dann werde ich die meiste Zeit des Stückes wahrscheinlich hinter statt auf meinem Sitzplatz verbringen.

Neben mir schnattert aufgeregt eine Schulklasse. Es wird auf Handys gestarrt und Selfies gemacht und sie wirken alles, nur nicht erpicht darauf zwei Stunden im Theater zu verbringen. Das kann ja heiter werden.

Pünktlich um 19 Uhr erlischt die Beleuchtung und es geht los. Ich bekomme eine Gänsehaut, als die Nebelmaschinen links und rechts auf der Bühne anfangen zu zischen. Innerhalb von wenigen Sekunden ist die Bühne im dichten Rauch versunken.

Dann tritt eine Gestalt durch den dichten Qualm. Mit Zylinder und Gehrock, leicht gebeugt, taucht er auf den Brettern auf und öffnet eine unsichtbare Tür, akustisch unterstrichen von einem Knarzen aus den Lautsprechern. Der Mann, den man durch all den Rauch und unter dem Zylinder nur schwer erkennen kann, zündet sich eine Zigarre an und atmet tief ein. Rot glimmt das Ende seines Requisit auf.

Dann ist ein Heulen zu hören und der Mann auf der Bühne erschrickt. Ich drücke mich ein bisschen tiefer in den Sitz, als er zurück zur unsichtbaren Tür hechtet, sie aufzieht und hindurch spurtet. Er rennt auf der Stelle, das Gesicht von Schmerz verzerrt. Das Heulen ist wieder zu hören und der Mann greift sich an die Brust. Dann, plötzlich, Ruhe.
Der Mann entspannt sich, bleibt stehen. Scheinbar ist er dem Hound entflohen.

Doch er hat sich zu früh entspannt, wieder ist ein Heulen zu hören – und im nächsten Moment liegt Sir Hugo Baskerville tot am Boden.

Mir rauscht es eiskalt den Rücken hinunter und ich muss an John Watson in der Serie „Sherlock“ denken, wie verängstigt er durch das Labor rannte, auf der Flucht vor dem vermeintlichen Hound. Die Schulklasse neben mir schweigt gebannt.

Und dann gehen plötzlich die Lichter auf der Bühne an und zwei Männer treten auf die Bretter. Sie klatschen Beifall und einer von ihnen sagt: „Thank you, Shaun! Excellent bit of mime!“. Shaun, das ist Shaun Chambers alias der – nun – tote Sir Hugo Baskerville, der nun quietschfidel aufspringt und sich verbeugt. Ich bin maximal irritiert und doch ziemlich neugierig. Was tun die drei da auf der Bühne? Sollte das nicht ein gruseliges Theaterstück nach Sir Arthur Conan Doyles bekannter Holmes Geschichte werden? Wo findet sich da ein Mime?

Doch die drei Schauspieler erklären sich umgehend: „The Hound of the Baskervilles“ ist eine Komödie. Gespielt von eben nur den drei Männern, die nun lächelnd vor uns auf der Bühne stehen. Shaun Chambers, ein braunhaariger Lockenkopf mit einem Drang zur Bewegung, die wundersamer Weise perfekt zu all seinen gespielten Charakteren passt. Simon Kane, der rothaarige, bärtige John Watson, dessen Stimme mit solch einer Präsenz durch das Theater hallt, dass man ihm jedes Buch zum Vorlesen hinhalten will und Max Hutchinson, der blonde Mann mit dem aufmerksamen Blick und der Sherlock Holmes des Stückes. Während sie da vor uns stehen und uns erzählen, welche Rollen sie im Laufe des Stückes spielen werden – Shaun besteht darauf, dass er „three versatile yokels“ spielt, nicht nur zwei – wird mir klar, dass das hier absolut nicht so laufen wird, wie die bekannte Story von Doyle oder die Episode der TV Serie Sherlock.

Und so dauert es keine weitere Minute bis ich absolut, mit Haut und Haaren von den drei Schauspielern und dem folgenden Stück gebannt bin und darin versinke, wie in einem guten Buch…

*

„The Hound of the Baskervilles“ ist tatsächlich eine Komödie, die auf der Geschichte von Sir Arthur Conan Doyle basiert. Adaptiert wurde sie von Steven Canny und John Nicholson, doch als man mich fragte, ob ich mit ins Theater möchte und die Worte „Baskerville“ und „Sherlock Holmes“ fielen, war ich aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen mit Doyle sofort dabei – ohne mich großartig damit zu beschäftigen, was genau denn da nun im English Theatre aufgeführt wurde.

Und im Nachhinein bin ich auch sehr froh darüber, denn ich habe ein Stück erlebt, dass mich so schnell und hartnäckig eingehüllt hat wie der Nebel auf der Bühne. Jede Szene brachte mich zum Lachen und spätestens in der Intermission wusste ich, dass ich dieses Stück auf jeden Fall noch einmal sehen wollen würde.

Das Stück ist die perfekte Mischung aus Komödie und Krimi, denn natürlich wird das Mysterium um das Ableben von Sir Hugo Baskerville immer noch in den detektivischen Mittelpunkt gestellt. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit jedoch stehen zu jedem Zeitpunkt die drei Hauptdarsteller – die einen mehr als fantastischen Job machen! Es ist fast ein bisschen wie das erste Triumvirat, nur mit Schauspielern. Sie alle haben mehr als eine Rolle im Stück, Max Hutchinson spielt unter anderem auch zwei Frauen, und sie harmonieren so unfassbar gut als wären sie genau für dieses Stück und für diese Konstellation gemacht. Selbst in Momenten, in denen improvisiert werden muss – das Plastikessen fällt vom Teller, obwohl der Text „because [the food] is glued to the tray!“ lautet – sind die drei schnell, unterhaltsam und immer in-character.

Neben der Storyline ist vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der das Stück mit sich selbst bricht, ein absolutes Highlight. Schon zu Beginn, als Sir Hugo Baskerville gestorben ist und die Schauspieler out of character auf die Bühne treten, wird der bewusste Charakter des Stücks klar. Und so finden sich immer wieder Stellen im Stück, die die vierte Wand brechen: mal ist es die Frage von Watson and Sir Henry Baskerville, warum er keinen kanadischen Akzent habe und Shaun Chambers Antwort „I can’t do one!“, dann ist es der hungrige Watson, der Holmes um eine Wurst bittet und Max Hutchinsons Antwort „You can’t have one, because it is not real! It is glued to the tray!“ (meistens jedenfalls…).

*

Nicht ganz zwei Stunden später erklingt der Song „Who let the dogs out?“ aus den Lautsprechern und die drei Schauspieler werden von tosendem Applaus eingehüllt. Rufe hallen durch das Theater und alle sind restlos begeistert. Selbst die Schulklasse neben mir hält es nicht mehr auf ihren Plätzen.

Als dann nach 10 Minuten beständigem Applaus die Technik die Lichter auf der Bühne dimmt um uns klar zu machen, dass es nun aber wirklich gut ist, sind eine Freundin von mir und ich schon in ein Gespräch darüber verwickelt, wann wir uns das Stück das nächste Mal anschauen wollen. Es ist für mich bisher die Überraschung des Jahres und von jetzt auf gleich auf den Thron meiner Lieblingstheaterstücke gesprungen, wo es Hamlet mit einer erschreckenden Leichtigkeit auf den zweiten Platz verdrängt hat.

In den folgenden Wochen sehe ich das Stück noch zwei Mal – und entdecke jedes Mal etwas anderes, was mir vorher nicht aufgefallen ist oder eine neue Stelle, an der improvisiert wird (oder werden muss). Es ist die Essenz des Theaters: jede Vorstellung ist anders.

Beständig bleiben jedoch die herausragenden Leistungen der drei Schauspieler. In jeder Vorstellung, die ich besucht habe, war ein anderer der drei die stärkste Rolle: war es beim ersten Mal Shaun Chambers als nimble Sir Henry Baskerville, der über die Bühne huschte, sprang, tanzte und zappelte und dabei nie das präzise komödiantische Timing des Stückes aus den Augen ließ, so war es in der zweiten Vorstellung – der schwächeren der drei – die Beständigkeit und Präsenz mit der Simon Kane seine beiden Kollegen durch das Stück führte und als John Watson eine kindliche Note in den Charakter brachte, die ihn keineswegs albern erscheinen ließ. Die dritte Vorstellung gehörte schließlich ganz Max Hutchinson, der trotz starker Probleme mit seiner Stimme durch das Stück führte wie ein Champion und nicht nur als Sherlock Holmes absolut überzeugte, sondern auch als Cecile Stapelton und Mrs. Barrymore. Er wäre auch definitiv ein perfekter Kandidat für den neuen Doctor, also falls jemand von den Verantwortlichen das hier liest: Max Hutchinson would be a splendid next Doctor and I would recommend him in a heartbeat!

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*

Für alle, die an dieser Stelle noch lesen und nun interessiert sind – das Stück läuft noch bis zum 30. Juni im English Theatre Frankfurt.

Für alle, die sich für das geschriebene Stück interessieren: [klick]

Und für alle, die noch eine Frage beantworten wollen: wann hat euch ein Theaterstück zum letzten Mal so richtig umgehauen?

Lasst es mich wissen!

Eure Tabi ♥

 

 

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4 Gedanken zu “[Seitenstränge]: #1 The Hound of the Baskervilles im English Theatre Frankfurt

  1. Was für ein schöner Beitrag! Da habe ich richtig Lust ins Theater zu gehen. Ich liebe daa Theater, besuche es aber viel zu selten. Aber jetzt lohnt sich wohl wieder ein Blick ins Theaterprogramm, dann schlepp ich einfach meinen Freund mit. 😀
    Ich freue mich auf weitere solche Beiträge und bin gespannt was du sonst noch zu erzählen hast.
    Liebe Grüsse
    Julia

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    • Hallo Julia,
      vielen lieben Dank, ich freue mich, dass es dir gefallen hat! Ist ja doch schon was anderes, auch wenn es irgendwie mit Büchern zu tun hat :’D
      Aw, freut mich, dass du jetzt wieder ein bisschen mehr Lust aufs Theater hast! Magst du es denn eher traditionell, also nah an der Vorlage, oder findest du abstrakte Stücke besser, die das Stück ein bisschen verändern?
      Liebste Grüße,
      Tabi

      Gefällt 1 Person

      • Ich mag es eher traditionell, aber wenn sie etwas von der Vorlage abweichen finde ich das auch in Ordnung. Was ich aber überhaupt nicht mag sind völlige Neuinterpretationen und difuse Darstellung. Bei meinem letzten Theaterstück war es ein Stück, dass ich gar nicht kenne. Es fing herrlich altmodisch an, aber plötzlich zogen sich alle Schauspieler halbnackt aus und feierten irgendeine Party. Das ging eine ganze halbe Stunde so weiter, bis meine Tante und ich das Theater verliessen. Deshalb war ich wohl so lang nicht mehr 😅
        Liebste Grüsse und einen schönen Abend
        Julia

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      • Me too! Ich habe mal eine Produktion von 1984 gesehen, die vollkommen aus den literarischen Angeln gehoben war. Fand ich zu abstrakt…
        Das sich Leute in einem Stück ausziehen, hab ich schon so oft gehört und jedes Mal fanden es die Zuschauer befremdlich! Künstlerische Freiheit und Innovation sind was Tolles, aber Verbindungen zum Stück und dem Publikum sollten schon erhalten bleiben, sehe ich genauso!
        Liebe Grüße 🙂

        Gefällt 1 Person

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