[Review]: Ein Irischer Dorfpolizist von Graham Norton

Liebe Leserinnen, liebe Leser, dav

heute ist es so weit! Graham Nortons (ja, genau der Graham Norton!) erster Roman „Holding“ erscheint heute unter dem deutschen Titel „Ein Irischer Dorfpolizist“ bei Kindler (Rowohlt). Darin geht es um einen, Überraschung!, irischen Dorfpolizisten, der nach dem Fund einer Leiche auf einer Baustelle einem Mordfall auf die Spur kommt, der nicht nur das ganze Dorf auf den Plan ruft, sondern auch die Geheimnisse der Bewohner offenbaren wird…

Ob mich der Moderator der „Graham Norton Show“ mit seinem Roman überzeugen konnte und warum der Trend immer mehr zum Schauplatz Dorf geht – das gibt’s, wie immer, nach dem Sprung!

[Prädikat: Spoilerfrei!]

dav

Titel: Ein irischer Dorfpolizist

Autor: Graham Norton

Originaltitel: Holding

Erschienen: 18. August 2017

Verlag: Kindler (Rowohlt)

Seiten: 331

Sprache: Deutsch

Version: Hardcover

*

Inhalt:

Sergeant PJ Collins ist nicht dick, er ist fett. PJ gerät schnell ins Schwitzen und schnell aus der Puste, er hat in dem verschlafenen Kaff Duneen aber zum Glück auch nicht viel zu tun.
Das ändert sich, als bei Schachtarbeiten menschliche Überreste gefunden werden. Im Dorf ahnen alle gleich, wessen Knochen das sein müssen: Tommy Burke, verschwunden vor zwanzig Jahren, genau an dem Tag, an dem sich seine Verlobte und seine Geliebte auf dem Marktplatz prügelten. PJ geht daran, die Frauen zu befragen – beide immer noch unglücklich und ungeliebt. Und begeht dabei einige schwer verzeihliche Fehler. Der aus Cork angereiste Kriminalkommissar hält den Dorfsheriff sowieso für eine Niete.
Doch er irrt sich.

Quelle: Rowohlt

Meine Meinung:

Ich wusste zunächst nicht, was ich davon halten sollte, dass Graham Norton ein Buch geschrieben hat. Ehrlich, was das angeht, bin ich leider immer sehr skeptisch, schließlich ist das Autoren-Dasein für viele Akteure in der Film/TV Industrie so eine Art necessary Nebenjob – und das nicht immer mit guten Ergebnissen. Doch dann gab ich mir einen Ruck und schaute mal ins Buch. Und nach wenigen Seiten war ich sowohl vom Schreibstil als auch vom Gegenstand der Story gefesselt! Das magische dabei: so viel passiert eigentlich gar nicht, zumindest wenn ich jetzt mal zurückdenke. Auch während des Lesens kam ich mir manchmal vor, als würde unser lieber Dorfpolizist nicht nur auf der Stelle treten sondern einen ganzen Graben in die Erde stampfen.

Dennoch blieb ich bei der Stange, denn nicht nur PJ’s persönliche Entwicklung fesselte mich, sondern auch das Netz der Dorfgemeinschaft, in das man immer mehr eintauchte und die Geheimnisse, die allmählich zum Vorschein kamen. Und obwohl das Mysterium um den Mordfall absolut nicht immer im Vordergrund steht – manchmal hätte ich mir da auf jeden Fall ein bisschen Input gewünscht – geht es vor allem auch darum, die Charaktere kennenzulernen. Hier sucht man 08/15 Haupt- und Nebencharaktere vergebens. Dass dafür aber scheinbar ein bisschen was an Plot geopfert wird, ist vielleicht nicht jedermanns Geschmack (daher kommt aber wohl auch das „Roman“ und nicht der „Krimi“).

Was mir wirklich gut gefallen hat, war Graham Nortons Sprache! Den sonst so kecken und gewagten Humor von Norton sucht man in diesem Buch fast vergeblich. Stattdessen entwickelt er einen ganz eigenen Schreibstil, der einen auch in den Momenten bei der Stange hält, wenn mal gerade nicht so viel passiert. Es geht hier, wie bereits erwähnt, auch viel um das kreieren einer Atmosphäre um den Plot herum. Man kann den Charakteren gut folgen und kann sich vor allem die Szenerie gut vorstellen. Wenn diese Fähigkeit des Buches allerdings nicht gewesen wäre, hätte mich der Plot allein definitiv nicht zufrieden gestellt.

Am Schluss wird dann auch das Mysterium von der Leiche auf der Baustelle gelüftet und es ist eine solide Lösung, die dabei heraus kommt. Wieder steht hier nicht unbedingt der Mordfall an sich im Vordergrund, sondern vor allem die Auswirkungen auf PJ und das Dorf. „Das Dorf“ ist ohnehin etwas, dass bei diesem Buch nicht nur zentral im Mittelpunkt steht, sondern im Deutschen auch noch explizit in den Titel (vom englischen „Holding“ zum deutschen „Ein irischer Dorfpolizist“ ist es ja ein Stück) eingebaut wurde. Und damit ist „Ein irischer Dorfpolizist“ gewiss nicht allein. Was aber macht ein Dorf als Schauplatz so attraktiv?

Rating: ☆☆☆ – –

Das Dorf – Ein Schauplatz für jedes Genre.

Aber wieso?

Nachdem ich „Ein irischer Dorfpolizist“ beendet hatte, ließ mich das Thema „Dorf“ nicht wirklich los. Plötzlich entdeckte ich in fast jedem Buch – egal ob Fantasy, Krimi oder Roman – ein Dorf als Haupt- oder mindestens Nebenschauplatz. Um mich mal bei anderen umzuhören, fragte ich die Tage deshalb mal bei Twitter, ob ihr in diesem Jahr schon Bücher gelesen habt, die im Dorf spielen und vor allem das Dorf als solches als Hauptaugenmerk haben:

Und es gab viele Antworten, die mir zeigten: ja, das Dorf ist in Büchern, die 2017 gelesen wurden, omnipräsent. Passend, wenn man sich vor Augen führt, dass in der Realität das Dorf als solches immer mehr ausstirbt, und die Literatur darauf reagiert.

In Graham Nortons „Ein irischer Dorfpolizist“ fungiert das Dorf nicht nur als Background für den Kriminalfall, sondern auch als dynamische Einheit, die Ängste und Wünsche von Menschen aufzeigt, vor allem aber PJ als Einzelperson beeinflusst und ihm manchmal wie ein Spiegel gegenübersteht. In der Literatur heutzutage wird das Dorf, laut Wikipedia in Kurzform, vor allem als ein Medium der „Ideenfindung“ und „Ideenverarbeitung“ genutzt, vor allem aber auch um es dem Großstadt-Denken gegenüber zu stellen [Quelle]. Man sieht also: die Nutzung des Dorfes als Schauplatz und soziales Umfeld sind mannigfaltig und hier kommen nur ein paar Ausprägungen.

Das Klischee

„Meine Manolos stecken im Acker fest!“*

Damit kommt natürlich auch, dass das Dorf ein paar Klischees mitbringt. So hat mir Sandra zum Beispiel auf meine Frage geantwortet, dass sie „Alles, was du suchst“ von Marie Force gelesen hat – und das verarbeitet schon in der Beschreibung (fast) alles, was das Dorf als Klischee zu bieten hat:

[…] Doch nach ihrer ersten Begegnung mit dem dorfeigenen Elch Fred ist ihr Mini ein Totalschaden, und ihre teuren Wildlederstiefel stecken im Matsch fest. […]

Quelle: Fischer Verlag

Ich habe das Buch nicht gelesen, dennoch kann ich mir vorstellen, wie es – in Sachen Dorf – ausgehen könnte: so schlimm ist das Landleben eigentlich gar nicht, man kann mal so richtig abschalten und irgendwie arbeitet sich die gestresste Großstädterin dann doch in das System des Dorfes (oder der Kleinstadt, in diesem Falle) ein. Hier haben wir vor allem einen sehr „traditionellen“ approach zum Thema Dorf zu tun, einer, der nicht nur in Büchern oft vor kommt, sondern auch gern in anderen Medien ausgelebt wird, so bspw. in der Fernsehserie „Men In Trees“.

*kein tatsächliches Buchzitat … obwohl, das kommt bestimmt irgendwo genau so vor.

Das Mörder-Dorf

„Alle sterben, auch die Hauptcharaktere?“*

Brösel, von Brösels Bücherregal, schickte mir ihre Antwort: „Ada. Am Anfang war die Finsternis“ von Angela Mohr. Auch hier beginnt die Beschreibung schon mit einer Morddrohung:

Ohne das Dorf gibt es kein Überleben. Draußen lauert das Verderben, und nur im Dorf bist du sicher. […]

Quelle: Arena

Das Dorf ist eine eingeschworene Gemeinschaft, die nicht unbedingt immer das beste für ihre Bewohner will. Oder vielleicht denken sie, dass es das Beste ist, auf eine verzerrte Art und Weise. Dem Klappentext nach zu urteilen geht es hier um eine andere Art von „Dorf vs Stadt“, nämlich um den Gegensatz zwischen „Dorf vs Außenwelt“. Im Dorf ist alles sicher, so lange es hier in den gewohnten Bahnen geht, ist alles friedlich und niemand will einem etwas Böses. Sobald man jedoch die Grenze überschreitet und das Dorf verlässt, ist man auf sich allein gestellt und stirbt höchst wahrscheinlich. Ein perfider Plan um das Dorf beisammen und stark gegen die Außenwelt zu halten. Und wieder eine Reflektion auf das kleine soziale System, dass engmaschig im Dorf existiert und ein Machtgefüge der anderen Art darstellt. Man (wer wird das in diesem Buch sein?) will verhindern, dass sich dieses Machtgefüge verändert oder, noch schlimmer, verkleinert. Auch eine metaphorische Reflektion auf die Landflucht?

Auch hier befinden wir uns mit anderen Medien in guter Gemeinschaft: „The Village“, der 2004 erschien, arbeitet nicht nur ganz ähnlich, sondern heißt auch noch „Das Dorf“. Da sind wir wieder bei dem Ausgangsobjekt: „Ein irischer Dorfpolizist“. Und auch in vielen Krimis ist gerade das Dorf der Schauplatz des Grauens. So beispielsweise in Nele Neuhaus „Im Wald“, was zum Beispiel @LesenLeuchtets Antwort auf meine Frage war. Oder „Erntedank in Vertikow“ von Frank Friedrichs, was Nadja Bookworm beisteuerte. Und Thorsten Siemens Thriller spielen zum Beispiel alle in seinem Heimatdorf.

Zusätzlich zu der etwaigen metaphorischen Verdammung der Landflucht bietet sich vor allem in Krimis nämlich nicht nur die enge soziale Struktur des Dorfes an, sondern auch der „OH MEIN GOTT“ Effekt, wenn es der Nachbar war, den man seit 20 Jahren kennt und womöglich sogar einmal das eigene Kind anvertraut hat. Manche Autoren und Leser ziehen diesen Mikrokosmos einem (schnell) anonymeren Fall in einer größeren Stadt vor. Auch weil vor allem die Auswirkungen im Dorf noch einmal vollkommen anders sein können: die Welle der Ereignisse ergreift den ganzen Mikrokosmos wie ein kleiner Tsunami und verwandelt ein Bild einer ganzen sozialen Einheit in wenigen Sekunden oder Stunden – schließlich verbreiten sich solche Neuigkeiten wie ein Lauffeuer in einem kleinen Dorf – dauerhaft. Auf einem begrenzten Gebiet kann man so mit jeder Person, die von diesem (Mord)Fall betroffen ist, experimentieren.

*geklaut von „Alle sterben, auch die Löffelstöre“, dabei ist das nicht mal ein Krimi! 😉

Das Spiegel-Dorf

„Man lernt im Dorf so allerlei Persönlichkeiten kennen – allen voran die eigene!“*

Neben dem Klischee, dass ein Dorf mitten im Nirgendwo liegt und alle Menschen irgendwie eigen sind, gibt es noch die Klischee-Besetzung: sei es der Typ, der auf der Schule der absolute Checker war und dann doch im Dorf hängen geblieben ist; das erfolgreiche Mädchen, dass direkt nach der Schule das Dorf verlassen, erfolgreich geworden und dann doch zurückgekommen ist (um den Checker zu heiraten, weil er eigentlich ganz passabel ist?) oder eben der ortsansässige Pfarrer, Polizist oder Lehrer, der eine Art unverrückbare Instanz darstellt und am Ende doch genau so sehr Geheimnisse hat, wie jeder andere Mensch auch. (Das funktioniert natürlich auch im Gender-Swap, aber da wir hier von Klischees sprechen…)

Das so etwas nicht immer im Klischee und ganz gut funktionieren kann, zeigte mir zum Beispiel „Ein Irischer Dorfpolizist“. Denn ja, es gibt einige Klischee-Besetzungen, doch ihre Entwicklung und ihre Geheimnisse wirkten nicht so generisch und klischeehaft, wie es bei anderen Büchern der Fall war. Und genau hier setzt ein Buch (oder eine Serie, siehe z.B. „Broadchurch“), dass im Dorf spielt und mich trotzdem überzeugen kann, an: Geheimnisse, Probleme, soziale Umstrukturierungen, die eben nicht immer in den gleichen Bahnen ablaufen, sondern Charakter haben (haha) und gern unkonventionelle, aber nachvollziehbare Motive, Geheimnisse und Vergangenheiten haben. Neben Graham Nortons Buch gehört hierzu wohl aktuell auch Mariana Lekys Roman „Was man von hier aus sehen kann“, was momentan ja in aller Munde ist, worauf mich explizit aber nochmal Mara Giese hingewiesen hat. Das Buch handelt davon, was Menschen, die dem sicheren Tod bevorstehen, tun, ändern, verschwinden lassen oder gestehen. Und obwohl ich es noch nicht gelesen habe – was hoffentlich bald nachgeholt wird! – kann ich mir gut vorstellen, dass hier neben der typischen Besetzung des Dorfes auch viele Persönlichkeiten und Charakterzüge vorkommen, mit denen man sich selbst auch identifizieren kann…

*hat bestimmt mal jemand so gesagt.

*

Man sieht: es gibt jede Menge Gründe, warum das Dorf der Schauplatz und zentraler Mittelpunkt in der Literatur sein kann. Neben denen, die ich hier aufgezählt habe, gibt es da bestimmt auch noch ein Füllhorn mehr! Was sind eure Ideen dazu? Habt ihr auch einen Trend zum Dorf bemerkt, gerade als Fokus?

Lasst es mich wissen!

Eure Tabi ♥

 

P.S.: Danke an alle, die auf meinen Tweet geantwortet und mir so bei diesem Beitrag geholfen haben!

 

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