[Review]: Die Schlange von Essex von Sarah Perry

Liebe Leserinnen, liebe Leser,dav

vor einigen Wochen erreichte mich eine E-Mail von Bastei Lübbe und ich konnte meinen Augen kaum trauen: „Die Schlange von Essex“ von Sarah Perry wurde als Rezensionsexemplar angeboten und ich musste mich einfach sofort bewerben! Schon seit einiger Zeit hatte ich mir das Buch auf Englisch angeschaut, aber am Ende doch nie aus der Buchhandlung mit genommen (I know, das passiert mir ständig :D). Dabei hat das Buch alles, was ich mir wünschen kann: England, Ende des 19. Jahrhunderts und eine mysteriöse Geschichte um eine Schlange, die angeblich in Essex ihr Unwesen treibt…

Ob mich das preisgekrönte Buch am Ende wirklich überzeugen konnte – das seht ihr, wie immer, nach dem Sprung!

[Prädikat: Spoilerfrei!]

dav

Titel: Die Schlange von Essex

Autor: Sarah Perry

Erschienen: 29. September 2017

Verlag: Eichborn

Seiten: 487

Sprache: Deutsch

Preis: 24,00€

Rezensionsexemplar – Vielen Dank an Bastei Lübbe!

Inhalt:

London im Jahr 1893. Nach dem Tod ihres Mannes verlässt Cora Seaborne die Hauptstadt und reist gemeinsam mit ihrem Sohn Francis in den Küstenort Aldwinter. Als Naturwissenschaftlerin und Anhängerin der provokanten Thesen Charles Darwins gerät sie dort mit dem Pfarrer William Ransome aneinander. Beide sind in rein gar nichts einer Meinung, beide fühlen sich unaufhaltsam zum anderen hingezogen.

Quelle: Bastei LübbeBastei Lübbe

Meine Meinung:

„Die Schlange von Essex“ brilliert vor allem durch eines: Sprache. Jeder Satz und jedes Wort scheinen bei Sarah Perry am richtigen Platz zu stehen und mit einer Vielfalt ausgewählt zu sein, die mich an einen Wissenschaftler mit Mikroskop erinnert – alles wird bis in die kleinste Zelle untersucht. Dadurch entsteht ein Buch, dass sich nicht nur wundervoll lesen lässt, sondern fast wie ein Gedicht ist. Eine gewisse Melodie liegt dem Werk zu Grunde und das war für mich definitiv ein Leseerlebnis!

Deshalb stellt das Buch auch einen schnellen Anfang der Geschichte zunächst zurück. Man lernt Cora Seaborne und ihren Sohn kennen, lernt etwas über ihre Vergangenheit und über dem Punkt, an den wir einsteigen: den Tod ihres Ehemanns. Hier wird zum ersten Mal die Tragweite des Schreibstils sichtbar, denn es wird nicht nur das Setting Englands im 19. Jahrhundert damit perfekt eingefangen – nicht zeitgenössische Sprache ist meines Erachtens nach gerade ein Problem in der Literatur – sondern auch zwischen den Zeilen wird ein eng gestricktes Netz aus Strömungen errichtet. Auf jenem Netz trägt sich fast das gesamte Buch dahin; viel passiert auf dieser Zwischenebene, gerade die feinen Nuancen emotionaler Veränderungen.

„Wenn wir leben wollen, können wir das nicht immer verhindern. […] Schaden anzurichten, meine ich. Andernfalls müssten wir uns in ein Zimmer einschließen und dürften nie wieder ein Wort sprechen.“

Und da sind wir auch schon bei meinem größten Kritikpunkt: dem Pacing. Denn ja, Sarah Perry ist eine Poetin, aber mir persönlich setzt sie hierbei viel zu stark und viel zu einseitig auf die „Zwischen den Zeilen“ Ebene. Tatsächliche „Happenings“ sucht man in diesem Buch fast vergeblich, denn nicht nur Aldwinter – das Dorf, in das Cora kommt – ist vom Nebel umhüllt, sondern auch der gesamte Plot. Es ist kein Schnellkochtopf, dieses Buch, sondern ein bisschen wie ein Gänsebraten zu Weihnachten, der seine Zeit braucht um gar zu werden.

Zunächst kam dieser Schreibstil aber vor allem den Charakteren zu Gute, dem „world building“ und dem Setting. Denn was ich gern und oft in letzter Zeit kritisiere, das bekam hier mehr als genug Zeit. Egal welchen Charakter man in dem Buch nennt, es ist immer einer, der gestochen scharf wirkt, so, als habe Sarah Perry diese Personen wirklich gekannt und sie als ruhige Beobachterin aus einer Ecke des Raumes heraus mit Worten gemalt. Selbes gilt für das Setting: Aldwinter, Essex, London im Winter – alles sehr bewölkt, neblig und trüb. Man fühlt richtig die Feuchtigkeit in die eigenen Finger kriechen und jemand sagte, man könne es ein bisschen mit der guten, alten Gothic Fiction in Verbindung bringen, was ich gern unterschreibe.

Und auch das Hauptaugenmerk des Buches – die unterliegende Diskussion um Glaube, Religion, Liebe und was Menschen voneinander trennt oder sie verbindet – profitiert von dem Schreibstil. Sowohl zwischen zwei Menschen – Cora und William zum Beispiel – bis hin zu einer ganzen Menschengruppe – die Bewohner Aldwinters in Angst vor der Schlange von Essex – sind es sehr fein gebildete soziale Konstrukte, die auf jede kleinste Veränderung reagieren. Und hier liegt wahrscheinlich auch der Grund, warum viele Leser – und auch die Jury des englischen Buchpreises – von „Die Schlange von Essex“ so begeistert sind.

Zudem werden alle großen Themen der Menschheit behandelt: Liebe, Glaube, Wissenschaft und die ewige Diskussion darum, ob sich zwei von diesen drei irgendwie vereinbaren lassen. Dabei begegnen uns diese Themen in Form von zwei Charakteren – Cora auf der Seite der Naturwissenschaft, William als Pastor der Gemeinde – doch William ist kein konservativer Pastor, sondern sehr offen. Er ist schon fast post-modern eingestellt und deshalb war für mich die Diskussion der beiden – wenn sie denn nun einmal offen stattfand – sehr interessant.

„Ich glaube, dass es möglich ist, unseren Ängsten in Fleisch und Blut zu begegnen, vor allem, wenn wir uns von Gott abgewendet haben.“

Doch auch die Geschichte Englands zu dieser Zeit wird nicht außer Acht gelassen: sei es die Wohnungskrise in London oder der medizinische Fortschritt in der Herzchirurgie – das Buch ist „very much“ auch ein Porträt Englands im 19. Jahrhundert, ohne dabei seinen Gegenwartsanspruch zu verlieren. Und das macht eben die Faszination dieses Buches aus.

Wie fällt nun mein Fazit aus? Gemischt. Ein wundervoller Schreibstil mit scharf geschnittenen Charakteren und toller Atmosphäre steht einem Pacing gegenüber, was mich am Ende ganze Absätze hat überlesen lassen. Für mich war der Anteil an „Zwischen den Zeilen“ einfach zu stark, als dass das Buch mich nach der ersten Hälfte noch zu 100% bei der Stange halten konnte. Bei aller Liebe zu Nuancen – auch an Events im Plot darf dafür nicht gespart werden!

Empfehlung für: Leser, die gern eine langsame Geschichte mit einer voll aufgefächerten zweiten Ebene und einem tollen Schreibstil haben wollen. 

*

Habt ihr „Die Schlange von Essex“ gelesen? Und seid ihr eher der Typ für langsame, bedächtig gestrickte Geschichten oder muss es bei euch auch ab und zu mal Action geben?

Lasst es mich wissen!

Eure Tabi♥

 

 

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6 Gedanken zu “[Review]: Die Schlange von Essex von Sarah Perry

  1. Ich werd verrückt! Das ist jetzt schon die dritte Besprechung zu „Die Schlange von Essex“ die innerhalb von einer Stunde in meinem WordPress Reader aufgetaucht ist. Ich hab es schon daheim, aber noch soviel anderes, was ich davor lesen wollte…
    Bis ich das Buch gelesen habe hat es schon jeder, dem ich hier folge durch, wenn das in dem Tempo weiter geht! 😂

    Gefällt 1 Person

    • Haha, ja, mit dem WordPress Reader merkt man einfach immer, wann ein Buch released wurde 😀 Aber hey – wenn du es in der SuB Warteschlange nicht vorziehst, liest du es dann vielleicht zu einem Zeitpunkt, wo die Meinungen nicht mehr all over the place sind und das Buch dann ganz für sich sprechen kann (das macht es nämlich wirklich gut!) 🙂
      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo Tabi,
    du hast es wirklich geschafft, mir das Buch schmackhaft zu machen, und das, obwohl dein Fazit so gemischt ausgefallen ist 🙂 Ich hoffe, dass ich es bald von meinem SuB „befreien“ kann und bin schon gespannt, wie es mir gefallen wird.
    Liebe Grüße
    Fraencis

    Gefällt 1 Person

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